Video: Chinesischer Rapper hetzt gegen „dumme Ausländer“

„Dumme Ausländer“ – so heißt der neue Song des chinesischen Nachwuchsrappers MC Fat Shady. Darin verkündet der Möchtegerngangster was er von Fremden in seinem Land hält. Doch um Ausländerfeindlichkeit geht es in dem Song nur auf den ersten Blick. Wer genauer hinsieht, erkennt das Spiegelbild des heutigen Chinas – einer Gesellschaft im permanenten Konkurrenzkampf mit sich selbst.

Sprichwörtlich bis in die Haarspitzen tätowiert, ein Goldkettchen um den schmalen Hals und eine Sonnenbrille mit goldenen Gläsern auf der Nase – so verrucht zieht der chinesische Rapper MC Fat Shady in seinem neuen Musikvideo „Gua Laowai“ (deutsch: Dumme Ausländer) durch die Straßen seiner Heimatstadt Chengdu, begleitet von einer Schar bulliger Security-Leute. Wer immer den Weg des wütenden Hip Hop-Prolos kreuzt, weiß sofort was Sache ist: Haltet besser Abstand, der beißt! Nun wirkt der mit geschätzten 1,52 m Körpergröße eher schmächtig gebaute Nachwuchsgangster nicht gerade wie ein gefährlicher Schlägertyp. Doch sein fast schon kindlich anmutendes Erscheinungsbild gleicht der aggressive Wüstling mit seiner großen Klappe locker wieder aus. Und die wird nicht müde, dem Zuschauer immer wieder vor den Latz zu knallen, was er von Fremden in seinem Land hält:

„Dumme Ausländer,
so viele dumme Ausländer,
verpisst euch, Ihr dummen Ausländer!
Sie kommen in unser Land,
weil sie wissen, dass wir das große Geld haben,
dass wir die ganzen Mädels haben,
Ausländer aller Couleur,
für Geld würden sie alles tun.“

Worüber soll man sonst rappen?

Auf seinem Gang durch das Barviertel Chengdus schwingen Fat Shady und sein Gefolge immer wieder drohend ihre Mittelfinger durch die Luft, als wären es geladene Barrettas. Später schlägt er einer Schaufensterpuppe, die mit der Aufschrift „Dummer Ausländer“ beschriftet ist, mit einem Baseballschläger den Kopf ab. Im Hintergrund – wie sollte es in einem Hip Hop-Video anders sein – allgegenwärtige Symbole von Wohlstand und Macht: Dicke Protzkarren, goldene Ketten und Maulkorb tragende Pittbulls. Nur noch die eine oder andere leicht bekleidete Dame fehlt und das Video ginge als perfektes Imitat US-amerikanischer Vorlagen durch. Aber davor schrecken die Musikproduzenten in China zurück, schließlich hat die Regierung erst vor zwei Jahren ein umfassendes Verbot sexueller bzw. pornografischer Inhalte in Musik und Videos verhängt. Wer dagegen verstößt, muss damit rechnen, dass seine Songs auf dem Index landen und seine Konzerte von der Volkspolizei ohne Vorwarnung gecancelt werden. Im schlimmsten Fall werden die Künstler verhaftet. Auch obszöne oder vulgäre Ausdrücke, politische Themen und Kritik an der Regierung sind strengstens verboten.

Screenshot 2017-08-26 20.32.38Möglichst schnell reich werden

Doch worüber soll man rappen, wenn Gewalt, Sex und Drogen tabu sind und wenn jegliche Form der Rebellion bzw. des Widerstandes verfolgt und bestraft wird? Wenn Musiker, Schauspieler und Künstler dazu angehalten sind, ihre Kunst allein in den Dienst des chinesischen Sozialismus und seiner Moralvorstellungen zu stellen?
MC Fat Shady scheint eine Antwort auf diese Frage gefunden zu haben: In seinen Songs geht es vor allem um Geld und Wohlstand, um Markenklamotten und teure Autos, um sozialen Aufstieg und den Kampf um Reichtümer. Mit dieser Linie kann er nicht viel falsch machen, schließlich war es die Regierung selbst, die die Bürger des Landes dazu aufgerufen hat, hart zu arbeiten und möglichst schnell reich zu werden. Das Kalkül dahinter ist einfach: Wer permanent damit beschäftigt ist, dem großen Geld hinterher zu jagen, hat keine Zeit, mehr Bürgerrechte und politische Freiheiten zu fordern. Und die Rechnung scheint tatsächlich aufgegangen zu sein: Kein anderes Land auf der Welt hat mehr Milliardäre als China. Gleichzeitig geht nirgendwo auf der Welt die Einkommensschere zwischen Arm und Reich so weit auseinander. Die Bevölkerung steckt in einem permanenten Konkurrenzkampf mit sich selbst.

Screenshot 2017-08-11 17.48.05„China ist eine einzige große Falle“

“China ist voll mit diesen kleingeistigen, schmierigen Millionären, die alle den gleichen miesen Lebensstil zelebrieren“ erzählte Fat Shady kürzlich in einem Interview mit der Huffington Post. „Sie scheren sich um nichts. Möglicherweise haben sie sogar Leute auf dem Gewissen oder sie betreiben eine von diesen Ausbeuter-Fabriken, in denen sich die Arbeiter zu Tode schuften. Aber egal, Hauptsache das Geld fließt weiter in ihre Taschen. Meiner Meinung nach ist China eine einzige große Falle.“ Der 25-jährige junge Rapper, der mit bürgerlichem Namen Xie Di heißt, trat zum ersten Mal im Jahr 2014 bei der chinesischen Talent-Show „Sing my Song“ in Erscheinung, wo er mit der aufsehenerregenden Performance seines Protest-Songs “Daddy Ain’t Going to Work Tomorrow” den dritten Platz errang. Nach nur drei Jahren ist Fat Shady zu einer Gallionsfigur der aufstrebenden jungen Rapper-Szene Chengdus geworden, der Geburtsstätte des chinesischen Hip Hop.

3Beliebtheit von Ausländern gesunken

Hier haben nicht Chris Brown, Eminem oder Lil Wayne das Sagen, sondern chinesische Interpreten wie Cypher, Melo, PsyP und eben Fat Shady. Die Chinesen bevorzugen ihre eigenen Stars, weil sie deren Texte verstehen und sich folglich leichter mit ihnen identifizieren können. Dass Fat Shady in seinem neuen Track „Gua Laowai“ auf Fremde schimpft, scheint bei seinen Fans kaum jemanden zu stören. Die Diskriminierung von Ausländern fällt bislang nicht unter das Regierungsverbot, so dass der Rapper keine rechtlichen Konsequenzen zu fürchten hat. Und auch in der chinesischen Bevölkerung sind Fremde heute längst nicht mehr so gern gesehen wie noch vor einigen Jahren. Es ist das Bild des Ausländers, und insbesondere des Westlers, das sich gewandelt hat.

Screenshot 2017-08-11 21.35.17Den Chinesen die Frauen wegschnappen

Obwohl der Ausländeranteil an der Gesamtbevölkerung in China im Jahr 2014 bei gerade einmal 0,06 Prozent lag – einer der niedrigsten Werte weltweit – fühlen sich viele Chinesen von den Fremden im eigenen Land übervorteilt. Heute gibt es kaum einen chinesischen Großstädter, der nicht von irgendeinem negativen Erlebnis in Zusammenhang mit Westlern berichten könnte. Sie gelten gemeinhin als überheblich und arrogant. Es wird ihnen nachgesagt, sie kämen bloß nach China, um dort das schnelle Geld zu machen und sich am wirtschaftlichen Aufstieg des Landes zu bereichern. Außerdem seien sie privilegiert und würden vom chinesischen Staat und seinen Unternehmen verhätschelt, würden wesentlich leichter einen Job oder eine Wohnung finden als Chinesen und hätten viel höhere Gehälter. Für die Sonderbehandlung würden sie sich bedanken, indem sie auf die Chinesen herabschauten, sich rücksichtslos benähmen und den Chinesen ihre Frauen wegschnappten.

Screenshot 2017-08-26 20.32.56Reproduktion kolonialer Herrschaftsstrukturen

Entsprechend deutlich fallen dann auch die Kommentare chinesischer Internetnutzer auf Fat Shadys Ausländerschelte aus. „Endlich spricht es mal jemand aus“, schreibt beispielsweise ein User auf der chinesischen Plattform Weibo unter das Video. Eine Userin, die sich Lily Thai nennt, sagt: „Dieser Mann prangert lediglich den unrechtmäßigen Anspruch auf eine Sonderbehandlung an, den Ausländer in China immer wieder missbrauchen. Es sind jene Leute, die selber nichts beizutragen haben, sich jedoch nicht davor scheuen, ihr Recht auf Bevorzugung einzufordern und damit letztlich die alten kolonialen Herrschaftsstrukturen reproduzieren.“ Und sogar innerhalb der ausländischen Community in China trifft der Song auf Zustimmung. So schreibt etwa der amerikanische Journalist Adan Kohnhorst in einem Artikel auf dem Online-Portal Radii: „Egal, wie übertrieben ein Rapsong auch sein mag, in jedem steckt irgendwo auch ein Fünkchen Wahrheit. Die Sonderbehandlung von Ausländern in China ist enorm und Fat Shady bringt es mit ein paar Beispielen aus dem Real Life auf den Punkt – wenn auch ein wenig überspitzt. Weiße Jungs wie ich, aus den USA oder Europa, beklagen sich doch permanent über die „unzivilisierten Chinesen“. Aber selber laufen sie betrunken durch die Gegend und urinieren vor den Augen von irgend wessen Großmutter an Hauswände.“

Screenshot 2017-08-26 20.33.36„Ausländische Freunde: Respekt. Dumme Laowai: Fickt eure Mütter!“

Und auch der schwarze Internetkomiker Li Hei Shuai, ein New Yorker, der fließend Chinesisch spricht und sich unter anderem auf Youtube bereits zum Thema Alltagsrassismus in China geäußert hat, stärkt Fat Shady den Rücken: „Dieser Song ist perfekt! In China gibt es wirklich so viele rücksichtslose Ausländer, jeder Chinese kennt welche. Das ist der Grund, weshalb ich hier so wenige ausländische Freunde habe. Die meisten von ihnen sind Wichser. Fat Shady, mach weiter so!“ Der allerdings möchte seinen Song nicht missverstanden wissen. So ziele „Gua Laowai“ keineswegs auf sämtliche Ausländer in China, sondern nur auf jene Gruppe privilegierter Snobs, die es sich auf Kosten der Chinesen gut gehen ließen. Um das klarzustellen, wird zu Beginn des Songs eine kurze Botschaft an die Zuschauer eingeblendet: „Ausländische Freunde: Respekt. Dumme Laowai: Fickt eure Mütter!“ Wen genau Fat Shady als ausländische Freunde ansieht, lässt der Rapper in seinem Song aber leider offen.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s